Call for Papers

für ein Themenheft des Medien Journal (04/2018)

„Medien und Justiz“

Gastherausgeber/Gastherausgeberin:
Daniel Nölleke (Universität Wien) und Franziska Oehmer (Universität Fribourg)

Die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft beleuchtet seit jeher das Verhältnis zwischen Medien und anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. So hat sich das Fach aus unterschiedlichen Perspektiven intensiv den Beziehungen zwischen Medien und Politik, Medien und Sport oder auch Medien und Wissenschaft gewidmet.

Im Vergleich dazu hat das Verhältnis zwischen Medien und Justiz in der Kommunikations­wissenschaft erstaunlich wenig Beachtung gefunden. Das ist insofern verwunderlich, als die Judikative eine entscheidende Säule im politischen System darstellt, sodass ihr Verhältnis zur medial hergestellten Öffentlichkeit von großer demokratietheoretischer Relevanz ist. Die Beziehung zwischen Medien und Justiz ist für die Kommunikationswissenschaft auch deshalb ein interessanter Gegenstand, weil erste theoretische Überlegungen auf ein hochgradig ambivalentes Verhältnis hindeuten. So ist die Justiz aus Sicht des Journalismus ein zwei­schneidiger Berichterstattungsgegenstand: Einerseits erfüllen Rechtsverstöße und Gerichts­prozesse zahlreiche mediale Aufmerk­samkeits­kriterien und sind daher wie prädestiniert für die Thematisierung in Medien­angeboten. Andererseits widerspricht die Langwierigkeit der Verfahren, die (meist) zurückhaltende Informationspolitik der Behörden sowie der Ausschluss von (TV-)Öffentlichkeiten in Gerichtsprozessen medialen Bedürfnissen kolossal. Auch umgekehrt ist eine ambivalente Perspektive der Justiz auf die Medien plausibel: Einerseits werden Urteile im Namen des Volkes gesprochen, was auf die Notwendigkeit einer öffentlichen Legitimation hindeutet; andererseits sind Gerichte und Staatsanwaltschaften als unabhängige Behörden konzipiert, deren Entscheidungen nicht durch äußere Einflüsse (wie etwa eine öffentliche Meinung) beeinflusst werden dürfen. Wie sich die Beziehungen in diesem Schnittfeld aus Medien, Justiz und Öffentlichkeit jedoch konkret darstellen, ist bislang weitgehend unerforscht. Das ist auch deshalb zu beklagen, weil spektakuläre Einzelfälle immer wieder die Brisanz des Verhältnisses illustrieren und einer analytisch-differenzierten Einordnung bedürften.

Zwar liegen einige wenige Bestandsaufnahmen zur Gerichtsberichterstattung (z.B. Machill, Beiler, & Hellmann, 2007), zur strategischen Rechtskommunikation (Litigation-PR) (z.B. Rademacher & Schmitt-Geiger, 2012), zum medienbezogenen Handeln von Rechtsakteuren (z.B. Kepplinger & Zerback, 2009) sowie zur Wirkung der medialen Präsentation von Recht auf die Öffentlichkeit (z.B. Machura, 2007) vor. Allerdings basiert der Großteil des Fachdiskurses zur Rechtskommunikation auf Fallstudien und an spektakulären Einzelfällen orientierten Überlegungen. Solche Arbeiten verdeutlichen zwar eindrucksvoll die Sensibilität des Verhältnisses von Medien und Justiz, vermessen den Gegenstand aber bislang nur unzureichend anhand theoretischer Überlegungen oder durch empirische Befunde. Interessanterweise scheint sich die Rechtswissenschaft intensiver mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen als es die Kommunikationswissenschaft tut. Der wissenschaftliche und öffentliche Diskurs zum Verhältnis zwischen Medien und Justiz könnte jedoch in hohem Maße von kommunikationswissenschaftlichen Forschungsperspektiven, Modellen, Methoden und Befunden profitieren.

Das Themenheft des Medien Journal möchte solche Beiträge der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zum Verhältnis von Medien und Justiz versammeln und den Gegenstand somit für die weitere Beschäftigung im Fach fruchtbar machen. Wertvoll sind empirische Studien zu den unterschiedlichen Facetten des Verhältnisses genauso wie theoretisch inspirierte Beiträge, die das Verhältnis zwischen Medien und Justiz konzipieren. Auch Beiträge zu methodischen Herausforderungen bei der Analyse von Rechtskommunikation sind herzlich eingeladen. Die Beiträge müssen sich dabei nicht ausschließlich auf die Justiz im engeren Sinne (Gerichtsverfahren) beziehen, sondern können auch Aspekte der Strafverfolgung oder Strafvollstreckung thematisieren.

Unter anderem werden Beiträge zu folgenden Themenbereichen begrüßt:

  1. theoretisch-konzeptionelle Beiträge: Wertvoll sind Beiträge, die das Verhältnis zwischen Medien und Justiz theoretisch-konzeptionell vermessen. Im Mittelpunkt der Beiträge in diesem Bereich könnten bspw. folgende Fragen stehen: Welche bekannten (kommunikations)wissenschaftlichen Theorien und Konzepte können zur Beschreibung und Erklärung des Verhältnisses zwischen Medien und Justiz herangezogen werden? Welche Spezifika können dabei identifiziert werden?
  2. mediale Präsentation von Justiz: Denkbar sind hier Beiträge, die sich mit den Routinen, Inhalten und Akteuren der Rechtsberichterstattung auseinandersetzen. Auch die Präsentation der Justiz in fiktionalen Medienformaten ist hier von Interesse. Spannend sind zudem Studien, die sich mit der Thematisierung der Justiz oder einzelner Gerichtsverfahren/Prozessbeteiligter in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter beschäftigen.
  3. strategische Rechtskommunikation/Litigation-PR: Beiträge zu diesem Bereich können unter anderem das medienbezogene Verhalten von Rechtsakteuren und anderen Prozessbeteiligten analysieren. Denkbar wären hier auch Studien zur Öffentlichkeitsarbeit von Justizorganisationen wie Gerichten oder Staatsanwaltschaften. Auch Studien zur Medialisierung der Justiz fallen in diesen Bereich: Wie schätzen Justizakteure die Bedeutung unterschiedlicher Medien ein? Welche Maßnahmen ergreifen sie, um sich gegen mediale Aufmerksamkeit zu wehren oder mediale Präsenz zu erreichen?
  4. Rezeption und Wirkung der medialen Präsentation von Justiz: Beiträge zu diesem Bereich könnten unter anderem folgende Fragen beantworten: Wie (aufmerksam) verfolgt das Medienpublikum die Berichterstattung über Rechtsthemen sowie fiktionale Medieninhalte zur Justiz? Welches Bild von der (Funktionsweise der) Justiz haben Medienrezipienten? Inwiefern führt Justizberichterstattung zur Vorverurteilung von Angeklagten? Welche Wirkungen hat die Berichterstattung über Gerichtsverfahren auf Prozessbeteiligte?

Format der Einreichungen:

Kolleginnen und Kollegen, die sich mit einem Beitrag an dem Themenheft beteiligen möchten, werden gebeten, ihre Manuskripte bis zum 16. September 2018 einzureichen. Rückmeldungen zur Einreichung werden bis zum 31. Oktober verschickt. Etwaige Überarbeitungen wären bis zum 26. November fällig.

Die Einreichung erfolgt ausschließlich online über die Einreichungsplattform des Medien Journal (https://ejournals.facultas.at/index.php/medienjournal/submission/wizard). Das Themenheft erscheint als Ausgabe 04/2018 voraussichtlich im Dezember 2018. Über die Annahme der Manuskripte wird im üblichen Begutachtungsverfahren des Medien Journal (double-blind peer review) entschieden.

Die Beiträge sollen eine Länge von 7.000 Worten nicht überschreiten. Es können Beiträge in deutscher und englischer Sprache eingereicht werden. Es gelten die üblichen Manuskriptrichtlinien des Medien Journal (https://ejournals.facultas.at/index.php/medienjournal/about/submissions).

Fragen zum Themenheft richten Sie gerne per Mail an die Gastherausgeberin/den Gastherausgeber (franziska.oehmer@unifr.ch; daniel.noelleke@univie.ac.at).

Literatur

Kepplinger, H. M., & Zerback, T. (2009). Der Einfluss der Medien auf Richter und Staatsanwälte. Publizistik, 54(2), 216–239. doi:10.1007/s11616-009-0036-y

Machill, M., Beiler, M., & Hellmann, I. (2007). The Selection Process in Local Court Reporting. Journalism Practice, 1(1), 62–81. doi:10.1080/17512780601078878

Machura, S. (2007). Ansehensverlust der Justiz. In K. Döveling, L. Mikos, & J.-U. Nieland (Eds.), Im Namen des Fernsehvolkes. Neue Formate für Orientierung und Bewertung (pp. 83-101). Konstanz: UVK.

Rademacher, L., & Schmitt-Geiger, A. (Eds.). (2012). Litigation-PR: Alles was Recht ist. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.